Zellgenetik
Neben den Arten der Taufliegen bereichern nicht-stechende Mücken die Zytogenetik der Zweiflügler. Die vorzügliche Struktur ihrer polytänen Chromosomen, die meist aus Speicheldrüsen und Malpighi-Gefäßen des letzten Larvenstadiums dargestellt werden, motivierte zu derartiger Forschung. Erstmals wurden bei der Gartenhaarmücke die „Schleifen“ in deren Riesenkernen als Chromosomen bestätigt. Diese Arbeit zeigte, dass ohne Kenntnis der mitotischen Chromosomen die polytänen nicht mit Sicherheit zu erklären sind.
Außer von Haarmücken untersuchte man mitotische, polytäne und meiotische Chromosomen von Gallmücken, Schnaken, Trauermücken, Zuckmücken sowie von der hier aufgezählten Fenstermücke Sylvicola cinctus, synonym Phryne cincta.
Die Zellbiologie von P. cincta konnte umfänglich untersucht werden, weil sich die Art im Labor züchten lässt. Ihr Karyotyp ist 2n = 8,XX in weiblichen und 2n = 8,XY in männlichen Tieren. Das Y ist punktartig klein.
Es gibt zwei zytogenetisch unterschiedliche Stämme: Beim A-Stamm ist das X in der Mitose so lang wie Chromosom 4, beim B-Stamm misst das X-Chromosom nur die Hälfte. Die X-Chromosomen kondensieren von den Autosomen abweichend (allozyklisch).
Durch Zyklen von DNA-Endoreplikationen entstehen in einem wachsenden somatischen Zellkern große, polytäne Chromosomen. Die multiplizierten elterlichen Chromatiden-Bündel bleiben in den einzelnen, riesigen Chromosomen zusammen. Deswegen erscheint dann der (weibliche) Karyotyp unter dem Mikroskop morphologisch haploid: 1n = 4,X. Solche „somatische Paarung“ ist auch bei Drosophila-Arten bekannt. Bei Phryne cincta ist das polytäne X im Verhältnis zu den Autosomen kürzer; es sei denn, die Larven werden bei niedriger Temperatur (< 4° C) aufgezogen. Nach langer Kältebehandlung sind die polytänen X-Chromosomen in beiden Stämmen gleich lang.
Die morphologischen Beobachtungen hat man durch Mikrofotometrie ergänzt. Der DNA-Gehalt feulgengefärbter Kerne aus Mitosen von Weibchen betrug 2 C = 340 fg (Femtogramm).
Die genomischen DNA-Anteile der einzelnen mitotischen bzw. polytänen Chromosomen zeigen die beiden folgenden Tabellen zum Karyotyp von Phryne cincta, synonym Sylvicola cinctus.
Die Klammern in der zweiten Tabelle verweisen auf die somatische Paarung der polytänen Chromosomen. Von den Tabellen ist abzulesen, dass Endozyklen die Prozentwerte nicht wesentlich verändern: Die Chromosomen reduplizieren im wörtlichen Sinn. Das gilt auch für das X-Chromosome: Es ist bei beiden Geschlechtern in seiner Gestalt zwar variabel, redupliziert aber synchron mit den Autosomen und behält auf den Polytäniestufen zu den Autosomen gleichbleibenden relativen DNA-Gehalt. Das Y dagegen multipliziert selektiv lediglich seine euchromatischen Bereiche, während sein α-Heterochromatin zurückbleibt (unterrepliziert).