Lebensräume und „Luftschiffen“ als Ausbreitungsstrategie
Die Familie ist weltweit verbreitet und besiedelt ganz unterschiedliche Lebensräume aller Klimazonen, von den Tropen (Kongo: Labullula annulipes) über Strände (im Seetang), Himalaya (Piniphantes himalayensis) bis an die arktischen Küsten. Die mit Abstand artenreichsten und am weitesten verbreiteten sind die nahezu „allgegenwärtigen“ Gattungen Erigone, Bathyphantes, Leptyphantes und Walckenaeria (=Walckenaera). In Mitteleuropa außerordentlich häufig sind Erigone atra und Bathyphantes gracilis.
Im Unterschied zu anderen Spinnengruppen, bei denen sich nur die Jungtiere mit Hilfe eines „Flugfadens“ vom Wind verfrachten lassen, um bei zu großer Populationsdichte der Konkurrenz und dem Kannibalismus durch Artgenossen zu entgehen, fliegen bei den Arten in der Familie Linyphiidae auch die erwachsenen Tiere zu Tausenden vom Sommer bis in den Winter, wobei dies eine erfolgreiche Strategie zur Verbreitung darstellt. Die Spinnen strecken dazu ihren Hinterleib in die Luft und produzieren einen sogenannten Flugfaden. Ist der Faden lang genug, wird er vom Wind erfasst und transportiert die Spinne. Dieser Vorgang wird Luftschiffen oder im Englischen ballooning genannt. Erwärmt sich die ruhige Luft über dem Boden durch Sonneneinstrahlung rasch, lassen sich die Spinnen emporheben und verfrachten. Sie fallen dadurch besonders im Spätsommer („Altweibersommer“) und im Winter auf. Sie können kurzzeitig massenhaft auftreten.
Beim Transport durch die Luft erreichen Baldachinspinnen Höhen von mehreren Tausend Metern und fliegen bis zu mehreren Hundert Kilometer weit. So wurden sie aus Flugzeugen gefangen und Charles Darwin berichtete 1832 in seinem Tagebuch, 100 km vor der Küste Südamerikas hätten sich unzählige kleine Spinnen in der Takelage seines Forschungsschiffes verfangen. Inzwischen weiß man, dass sie die Höhe und Flugdauer durch die Länge ihres Fadens anpassen können. Allerdings überleben nur die wenigsten ihre Reisen. Die meisten landen auf dem Wasser, in ungeeigneten Lebensräumen oder werden von Vögeln gefressen. Der britische Volksmund kennt die luftverfrachteten Spinnen unter dem Namen money spider, die, wenn sie auf einem landet, finanzielles Glück bescheren soll („neue Kleider webt“).